Hand in Hand am Strand

 

Auf dem schmalen Trampelpfad durch den Dünengürtel fragst du: „Erinnerst du dich eigentlich noch daran, wann du als Kind das erste Mal das Meer gesehen hast?“

Der steife Wind von vorne trägt uns schon den salzigen Geruch der Nordsee entgegen.

Nach ein paar Augenblicken des Überlegens drehe ich mich zu dir um und antworte: „Nicht genau. Ich muss wohl so ungefähr vier oder fünf gewesen sein. Da sind wir auch schon mit der ganzen Familie nach Dänemark gefahren. Davon gibt es ein paar Fotos. Aber direkt erinnern kann ich das nicht. Und du?“

„Das allererste Mal war es wohl auf unserer Fahrt nach Grömitz an die Ostsee. Ich müsste aber auch im Fotoalbum nachschauen, wann das war ...“

Wir gehen weiter durch den knirschenden, unter unseren Tritten wegrutschenden Dünensand und hängen unseren Gedanken nach. Das erste Mal am Meer – als Kind dann doch etwas Selbstverständliches? Vielleicht überlappen sich auch die Erinnerungen an die diversen Strandurlaube ...

Ich habe mich, als wir aus dem Ferienhaus aufbrachen, für die Gummistiefel entschieden, obwohl du meintest, darin laufe man doch nicht so gut und schubbere die Socken ab.

Ich mag es, bei rauem Seewetter möglichst dicht an der Wasserlinie zu gehen. Wenn die Wasserzungen dann meine Stiefel umspielen, umso besser. Heute peitschen die lang gezogenen Wellen große weißbraune Schaumhügel an den dänischen Nordseestrand, die, wenn sie liegen bleiben, im Wind vor sich hinzittern, dann in sich zerrissen werden und über den Sand treiben.

Ich steuere auf die größten Schaumhügel zu, wandere gezielt hindurch und schaue den gleitenden Schaumflocken hinterher. Ich bin angekommen. Ich wende mich dem Meer zu, lege die Hände hinter meinen Rücken und stehe still angesichts des großen Rauschens und Wellens.

Ich schaue dem Horizont entgegen und atme besonders tief ein. Das ist schön.

Dann wende ich mich zu dir um und wir lächeln uns wortlos an.

Du stehst auf dem trockenen Teil des hier sehr breiten Strandstreifens und fragst: „Erst mit dem Wind im Rücken?“ Ich nicke und wir wenden uns gen Süden.

Ganz von selbst finden unsere Hände zueinander und wir gehen schweigend nebeneinander her.

Nach einer Weile zieht es mich wieder zu den Gischtbergen und wir gehen in zwanzig Meter Abstand am menschenleeren Meeresrand entlang.
Meine Gummistiefel zerteilen wieder die Hügel und bringen sie zum Fliegen.
Nun weiß ich wieder, an was sie mich erinnern. Sie haben die gleiche Farbe und die gleiche Konsistenz wie das aufgeschäumte Eiweiß, das meine Mutter mir in das verrührte Eigelb mischte, als ich es, krank zu Bett liegend und ausschließlich zu solch widrigen Gelegenheiten, als leckeres und tröstendes „Zucker-Ei“ ins Krankenzimmer gebracht bekam. Das Zucker-Ei in Farbe, Geruch und Geschmack ist mir fester in Erinnerung geblieben als alle Kinderkrankheiten.

Als sich unsere Wanderwege wieder annähern, sage ich zu dir: „Jetzt weiß ich, woran mich die Gischt erinnert“, und ich erzähle dir von meinen Assoziationen zu diesen zittrigen Wanderbäuschen auf dem Strand.
„Ja, genau, so sieht das aus“, sagst du, „und ich denke dabei an den Waschpulverschaum von Muddis erster Waschmaschine.“
„Ist die übergelaufen?“, frage ich und erfahre die ganze Geschichte, als die neue Errungenschaft meiner Schwiegermutter, die ich damals noch nicht kannte, wegen einer zu gut gemeinten Pulverportion überlief und ein paar Extraschaumeinheiten ausspieh.
„Ich hab noch gar keine Steine mit Loch gefunden“, sagst du dann und senkst wieder den Blick auf die Steinfelder am Strand.
„Okay, heute welche mit Loch“, erwidere ich und nehme ebenfalls die Suche auf.
 
Letztes Jahr haben wir welche „mit Linie“ gesammelt, also solche, in denen ein andersfarbiger Strich eingeschlossen war.
So gehen wir wieder getrennter Wege am Strand und auf die Suche nach besonderen Steinen.
Dabei hängen wir unseren Gedanken nach, schauen manchmal, wo der andere gerade ist, lächeln oder winken uns zu, fühlen uns gleichzeitig verbunden und frei und sind sehr froh, dass sich unsere Lebenswege gekreuzt und wir uns gefunden haben.
 
Zwischendurch zeigen wir uns immer wieder unsere Fundstücke, kommentieren sie, behalten sie und werfen einige wieder zurück ins Meer.
Nach unserer Rückkehr nach Hause werden wir die schönsten Exemplare auf der heimischen Fensterbank verteilen – gemischt mit den edelsten Strichsteinen –, dorthin, wo wir die Erinnerungen sammeln an die Gischt, an das freie Atmen und an die warme Hand des anderen im kühlen Nordseewind.
 

Hartwig Hansen, Hamburg, 2015