Abenteuerland

 

Systemisches Arbeiten ist nichts für Festhalter, für Schubladen-Denker oder
„Ich hab’s doch schon immer gewusst“ -Betonköpfe.

 

Systemisches Arbeiten ist eher etwas für Dschungel-Affine, für mutig-bewegliche Janes und Tarzans,
die von einer Liane zur anderen schwingen, und für Menschen, die Spaß am Um-die-Ecke-Denken haben.

 

Das hängt vor allem mit der einleuchtenden, aber mitunter doch etwas verwirrend-verunsichernden Grundidee zusammen, dass im Leben eben nichts statisch und „an die Wand zu nageln“ ist, sondern fortwährend alles in Bewegung und „im Fluss“.

 

Wie wird es dann aber möglich, hilfreich zu agieren, wenn man sich „an nichts wirklich festhalten kann“,
sondern darauf angewiesen ist, sich auf das berühmte „Navigieren beim Driften“ zu konzentrieren (vgl. Fritz B. Simon und Gunthard Weber – übrigens mein persönlicher Buchtitel-Favorit „im systemischen Feld“).

 

Am Anfang – ja, wann war das eigentlich noch? – ist man ja unsicher und verspricht sich ein bisschen weniger Herzklopfen beim Zusammentreffen mit Ratsuchenden durch das möglichst ausgiebige Vorausdenken und -planen der Sitzung, in der man dann auf bewährte Tools oder Techniken zurückgreift und „traditionell gut funktionierende Interventionen“ in petto hat.

 

Im Laufe der Jahre kommt man dann langsam, aber sicher dahinter, dass sich Sitzungen in ausgesprochen geringem Maße vorausplanen lassen, weil das erste Grundgesetz der Beratung lautet: Es kommt immer anders, als man denkt. Immer!

 

Hat man sich bei der Reflexion der letzten Sitzung gerade fest vorgenommen, wertvolle Erkenntnisse sofort beim nächsten Treffen anzusprechen, eröffnet die Klientin den Termin mit der Mitteilung, sie habe aktuell die Diagnose MS von ihrem Arzt erhalten. Oder ihr drohe nun doch die Kündigung und in der Familie gehe die Angst um.

 

Oder der Mann steigt in die Paarberatung mit den Worten ein: „Wir haben noch mal über die letzte Sitzung gesprochen und sind wieder total in Streit geraten über das, was Sie da gesagt haben.“

 

Soll man dann antworten: „Aha, und ich wollte Ihnen noch Folgendes sagen: Mir scheint, Ihr im Krieg gefallene Großonkel hat wahrscheinlich mit Ihrer heutigen Beziehungsdynamik zu tun?“

 

Wohl eher nicht. Verstörend wäre es wohl schon, aber so richtig passen würde es nicht.

 

Lieber sollte man wohl das innere Programm ändern, die eigenen Antennen auf Aufnahme schalten und sich den aktuellen Themen der Klienten aufmerksam zuhörend zuwenden.

 

Schade um die gedankliche Vorbereitung? Nicht wirklich. Vielleicht kommt ja irgendwann die passende Liane vorbei – wer weiß? Und vor allem: Der Dschungel bleibt ja spannend, so oder so.

 

Wer sich für die systemische Beratung entscheidet, begibt sich ins Abenteuerland – immer wieder –, weil wenig bis gar nichts voraussehbar ist. Denn es kommt ja immer anders, als man denkt. Immer!

 

Und das zweite Grundgesetz – die in die Zukunft weisende Schwester des ersten – lautet: Vielleicht ist alles doch noch wieder ganz anders, als man bisher gedacht hat!

 

Diesen Leitsatz zu einer inneren (Such)Haltung zu machen, scheint mir besonders hilfreich zu sein, damit die Überraschungen des Lebens auch wirklich ihre Chance bekommen, uns zu überraschen und zu einem angemessen-beweglichen Denken und Nachspüren zu bringen.

 

Was nützt es, wenn ich mit meiner „So lässt sich das doch alles am besten erklären“-Brille auf der Nase die Ratsuchenden betrachte, sie aber den Blick schon längst in eine neue, andere Richtung abgewandt haben? Genau: Dann verlieren wir uns aus den Augen. Und genau das ist das Schlechteste, was in Beratung passieren kann.

 

Also muss ich mich – wohl oder übel – offen halten für noch ganz andere Facetten und persönliche Kausalitäts-Modelle, die mir fremd und unplausibel erscheinen mögen, für meine Gegenüber aber unmittelbar bestechend-überzeugend sein können.

 

Fazit: Beratungen sind Abenteuer, mal im Dschungel, mal auf hoher See. Eine ultimative Sicherheit für Vorgehen, Ergebnis und Ankommen gibt es nicht.

 

Dafür bleibt es immer weiter spannend – Leben eben.

 

Und das Schöne: Vielleicht ist alles noch ganz anders, als ich bis hierher gedacht habe.

 

Vielleicht ja auch für Sie, die das bis hierher gelesen haben … Wahrscheinlich sogar …

Hartwig Hansen, Hamburg